AKTE №07 · LEAD: Marek Lorenz · GEÖFFNET: 12. Mai 2026

Treppen statt Studio: ein Hinterhaus in Friedrichshain

Eine zweiwöchige Beobachtung in einem Friedrichshainer Hinterhaus zeigt, dass das Treppenhaus die ehrlichste Bewegungseinrichtung der Stadt ist — vorausgesetzt, jemand nimmt sie ernst.

Marek Lorenz · 12. Mai 2026 · 11 Min. Lesezeit · Rubrik: Reportage

FALL: Vorderhaus 3. OG, Hinterhaus 4. OG. Aufzug außer Betrieb. Bewohnerschaft: 14 Parteien. Beobachtungszeitraum: 28. April bis 11. Mai 2026.

Zusammenfassung

Als der Aufzug im Hinterhaus für drei Wochen ausgetauscht wurde, gewöhnten sich die Bewohnerinnen daran, vier Etagen zu Fuß zu nehmen. Die Redaktion begleitete zwei Wochen lang die täglichen Wege durch das Treppenhaus, sprach mit sechs Bewohnerinnen und Bewohnern und notierte, wie aus einer Notlösung eine Praxis wurde.

Hintergrund

Friedrichshain ist ein Bezirk der Hinterhäuser. Viele Wohnungen liegen in dritten, vierten, manchmal fünften Stockwerken. Aufzüge sind in Altbauten die Ausnahme; wenn es einen gibt, ist er häufig schmal und gelegentlich außer Betrieb. Wer hier wohnt, kennt seine Treppen — und ignoriert sie meistens, solange der Aufzug fährt.

Als der Aufzug eines Hauses in der Boxhagener Straße Ende April für die routinemäßige Erneuerung für drei Wochen abgeschaltet wurde, schickte uns die Hausverwaltung einen freundlichen Aushang. Die Redaktion bat um die Erlaubnis, in dieser Zeit das Treppenhaus zu beobachten — und Gespräche zu führen.

Mann führt eine Wadendehnung am Küchentresen in einer Berliner Altbauwohnung aus
Drittes Obergeschoss, Vorderhaus. Foto: Redaktion.

Befunde

Treppen werden gezählt, wenn der Aufzug fehlt

In der ersten Woche begannen drei Bewohnerinnen, die Etagen zu zählen. „Wenn man sechs Mal am Tag vier Stockwerke nimmt, sind das vierundzwanzig Etagen“, sagte uns Frau M. aus dem zweiten Stock. Sie sagt es mit dem Ton, in dem man eine Entdeckung mitteilt.

Die ersten Tage sind die schwersten

Mehrere Bewohner berichteten von Wadenschmerz und Atemknappheit am dritten Tag. Bis zum achten Tag waren die Beschwerden weitgehend verschwunden — bei niemandem dauerhaft.

Tüten sind die ehrlichste Last

Wer Einkäufe trägt, lernt seine Treppe doppelt kennen. Drei Bewohnerinnen begannen, am Eingang stehen zu bleiben und die Tüten neu zu verteilen, bevor sie hochliefen — ein kleines Ritual, das niemand vorher hatte.

Begegnungen häufen sich

Im Treppenhaus trifft man Nachbarn. In der ersten Woche wurde mehr geredet als im gesamten April davor. „Wir sind plötzlich ein Haus“, formulierte es ein Vater aus dem ersten Stock.

Die Rückkehr des Aufzugs verändert wenig

Nach der Wiederinbetriebnahme nutzten die Hälfte der befragten Bewohner den Aufzug weniger als zuvor. Zwei verzichteten ganz darauf. Keine Person berichtete von einem schlechten Gefühl bei der Entscheidung.

Chronik

  1. Aushang im Hauseingang: Aufzug für drei Wochen außer Betrieb.
  2. Erste Gespräche im Treppenhaus. Stimmung: höflich resigniert.
  3. Wadenschmerz am Vormittag, drei Berichte. Bewohnerin H. trägt Einkaufstüten in zwei Etappen hoch.
  4. Begegnungen im Treppenhaus nehmen messbar zu (Beobachtung der Redaktion: 14 unabhängige Begegnungen an einem Tag).
  5. Eine Mieterin berichtet, sie nehme die Treppe inzwischen freiwillig zweimal: einmal hoch, einmal ohne Grund extra runter.
  6. Wiederinbetriebnahme des Aufzugs. In der ersten Stunde wird er einmal benutzt.
Drei Berlinerinnen und Berliner machen Kniebeugen und Ausfallschritte in einem Park
Volkspark Hasenheide am 7. Mai. Drei Bewohnerinnen des Hauses verlegen ihre Übungen nach draußen.

O-Töne aus dem Hausflur

Methodik

Zweiwöchige Begleitbeobachtung in einem einzelnen Hinterhaus in der Boxhagener Straße, Berlin-Friedrichshain. Sechs Gespräche mit Bewohnerinnen und Bewohnern. Keine Erhebung sensibler Daten, keine Bild- oder Audiodokumentation der Personen. Beobachtungsprotokolle als interne Redaktionsnotizen.

Was bedeutet das?

Drei Wochen ohne Aufzug sind keine Generalprobe für ein neues Leben. Sie sind ein kleiner Hinweis darauf, dass Bewegung im Alltag oft schon vorhanden ist — sie wartet nur darauf, gewählt zu werden. Im beobachteten Hinterhaus wurde aus einer technischen Notlage eine bewusste Praxis, die zumindest einen Teil der Bewohnerschaft nach der Wiederinbetriebnahme nicht mehr loslässt.

Das ist kein Programm, sondern eine Beobachtung. Ob sie sich auf andere Häuser, andere Bezirke, andere Lebenslagen übertragen lässt, wäre eine eigene Recherche. Wir notieren sie als das, was sie ist: einen Hinweis auf das, was Treppen können, wenn man sie nimmt.

Disclaimer zu dieser Reportage: Beobachtungen in einem einzelnen Hinterhaus. Keine Verallgemeinerung, keine medizinische Empfehlung.

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